Zusammenfassung Tagung: Bildungsarmut in Südtirol zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Wie hängen Armut und Bildung zusammen? Und was braucht es, damit Kinder, aber auch Erwachsene ihre Potenziale entfalten können? Mit diesen Fragen beschäftigte sich die erste Fachtagung des Südtiroler Armutsnetzwerks, die anlässlich des Internationalen Tages zur Beseitigung der Armut im Pastoralzentrum Bozen stattfand. 

„Bildungsarmut bedeutet, dass Menschen aufgrund ihrer Lebensumstände nicht die gleichen Chancen haben wie andere“, erklärte Elisa Berger, Koordinatorin des Armutsnetzwerks. Es gehe darum Ursachen zu erkennen und Zusammenhänge zu verstehen. Bildungsarmut und Armutsrisiken sind eng mit der Lebenssituation der Eltern verknüpft. Fehlen finanzielle Mittel, Zeit oder stabile Lebensbedingungen, kann dies die Entwicklungsmöglichkeiten der Kinder sehr einschränken. „Entscheidend ist, ob Menschen die Möglichkeiten haben, ihre Fähigkeiten zu entdecken und weiterzuentwickeln. Bildung eröffnet nicht nur Perspektiven für Ausbildung und Beruf, sondern auch Zugänge zu sozialen Beziehungen, Kultur und Sport“, betonte Berger. 
Bildungsarmut sei deshalb nicht allein eine Frage des Bildungssystems, sondern müsse im Zusammenhang mit sozialen und wirtschaftlichen Ungleichheiten betrachtet werden.
„Bildungsarmut ist eine der bedeutendsten Formen sozialer Ungleichheit“, betonte die Forscherin Daniela Mesini vom Istituto per la Ricerca Sociale in Mailand. Sie zeigte auf, wie das familiäre und soziale Umfeld, die wirtschaftliche Situation sowie der Zugang zu Kinderbetreuung, Bildungsangeboten und Unterstützungsleistungen die Lern- und Entwicklungsmöglichkeiten junger Menschen beeinflussen. Um Bildungsarmut wirksam zu bekämpfen, brauche es deshalb abgestimmte Maßnahmen, die über den Bildungsbereich hinausreichen und die sozialen und wirtschaftlichen Lebensbedingungen von Familien berücksichtigen.
Evan Tedeschi von der Freien Universität Bozen präsentierte Ergebnisse einer Untersuchung zur Kinder- und Jugendarmut in Südtirol. Die Studie beleuchtet Zusammenhänge zwischen familiären Benachteiligungen und verschiedenen Aspekten des Aufwachsens, darunter das psychische Wohlbefinden, die Beziehungen zu Gleichaltrigen und die schulischen Leistungen. Die Ergebnisse verdeutlichen, wie wichtig es ist, Belastungen frühzeitig zu erkennen und Unterstützungsangebote an den konkreten Bedürfnissen der betroffenen Kinder, Jugendlichen und Familien auszurichten. Armut betrifft demnach nicht nur die materiellen Lebensbedingungen, sondern kann auch mit der sozialen und gesundheitlichen Entwicklung junger Menschen zusammenhängen.
Christa Ladurner, Soziologin beim Forum Prävention, stellte Bildungsarmut in einen umfassenderen gesellschaftlichen Zusammenhang. Sie verdeutlichte, wie Wohnverhältnisse, prekäre Beschäftigung, finanzielle Unsicherheit und soziale Isolation die Entwicklungsmöglichkeiten von Kindern beeinflussen können. Für mehr Chancengerechtigkeit seien insbesondere frühe Förderung, Sprachbildung, gut zugängliche Betreuungsangebote und niedrigschwellige Unterstützung für Familien wichtig. Ziel müsse es sein, die soziale Herkunft weniger entscheidend für die Zukunft eines Kindes werden zu lassen. Dafür brauche es ein abgestimmtes Vorgehen, das Bildungs- und Sozialpolitik ebenso einbezieht wie weitere gesellschaftliche Bereiche.
Im Anschluss diskutierten Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Bildung, Sozialem und Wirtschaft über Strategien zur Bekämpfung von Bildungsarmut. Im Mittelpunkt standen die frühzeitige Erkennung von Benachteiligungen, die bessere Vernetzung bestehender Unterstützungsangebote und verlässliche Rahmenbedingungen für Kinder, Jugendliche und ihre Familien.
Die Tagung machte deutlich, dass Bildungsarmut auch in Südtirol eine gesellschaftliche Herausforderung ist, die nicht durch einzelne Maßnahmen oder Institutionen allein bewältigt werden kann. Gefragt sind langfristiges Engagement und eine enge Zusammenarbeit von Politik, Bildungseinrichtungen, Sozialdiensten, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Nur so lassen sich die Voraussetzungen dafür verbessern, dass alle Kinder und Jugendlichen ihre Fähigkeiten entwickeln und ihre Zukunft möglichst selbstbestimmt gestalten können.

Gemeinsam gegen Armut: Das Südtiroler Armutsnetzwerk „Alle gegen Armut“ wurde 2025 auf Initiative des Dachverbandes für Soziales und Gesundheit gegründet. Ihm gehören 22 Südtiroler Organisationen und Institutionen an, die Armut sichtbar machen, auf ihre Ursachen aufmerksam machen und gemeinsam Lösungsansätze entwickeln wollen. Die Auseinandersetzung mit Bildungsarmut ist ein wichtiger Teil dieser Arbeit. Sie trägt dazu bei, ungleiche Ausgangsbedingungen zu erkennen und gesellschaftliche Rahmenbedingungen zu verbessern, damit alle Menschen bessere Bildungs- und Zukunftsperspektiven erhalten.
Im Mittelpunkt standen die Ursachen und Folgen von Bildungsarmut und wie es gelingen kann, ungleiche Chancen zu verringern.

Deutlich wurde, dass Bildungsarmut eng mit den familiären Lebensbedingungen, den verfügbaren finanziellen und sozialen Ressourcen sowie gesellschaftlichen Rahmenbedingungen verbunden ist. Sie beschränkt sich nicht auf schulische Schwierigkeiten oder fehlende Bildungsabschlüsse, sondern kann die gesamte Entwicklung und die gesellschaftliche Teilhabe von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen beeinträchtigen.

Unterlagen zur Tagung:
Präsentation der Referentin Daniela Mesini: La povertà di famiglie con minori - Oltre la sfida educativa
Präsentation des Referenten Evan Tedeschi: Le sfide della povertà - Un’analisi empirica del caso altoatesino
Präsentation der Referentin Christa Ladurner: Prävention und Chancengerechtigkeit für Kinder Antworten auf aktuelle Herausforderungen

Zusammenfassung Präsentation der Referentin Daniela Mesini
Zusammenfassung der Präsentation des Referenten Evan Tedeschi
Zusammenfassung der Präsentation der Referentin Christa Ladurner